Radiosendung: Komponist und Alchemist - Das Werk des legendären Grafen von Saint Germain

06-11-2017 Artikel van Thomas Senne




Um Leben und Werk des legendären Grafen von Saint Germain geht es in der folgenden Sendung unter dem Titel: „Alchemist und Komponist“. Im Studio begrüßt Sie Thomas Senne.

Musik 1: St. Germain (Komponist): “Sonata II Con Soli in B-Dur, Andante Affectuosissimo”, aus “Six Sonatas For Two Violins With A Bass For The Harpsichord Or Violoncello”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 2/II, 4.30.

Er war virtuoser Geigenspieler und Komponist, Fabrikant, Friedenspolitiker und Geheimdiplomat, Chemiker und Alchemist, vielleicht Freimaurer und Rosenkreuzer, für Friedrich den Großen aber ein „berühmter Abenteurer“. Voltaire hielt ihn für „unsterblich und allwissend“, Madame d’ Urfé für einen „Magier“ und Baron von Gleichen für einen „Glücksritter“. Manche allerdings denunzierten ihn als „Schwindler“, „Betrüger“ oder „Scharlatan“. Der Landgraf Carl von Hessen hingegen sah in ihm einen ....

„... der größten Weltweisen, welche je gelebt haben“.

Mit Witz begegnete der Graf von St. Germain, von dem hier die Rede ist, geldgierigen Potentaten. Der sensationslüsternen High Society hielt er gerne den Spiegel vor. Er war eloquent, ein charmanter Unterhalter von höfischer Eleganz, verblüffte durch Phantasie, Scherz und Ironie. Auf jeden Fall muss der Graf Charisma und Humor besessen haben, wie zahlreiche Anekdoten belegen – Esprit.

(Schöler): „Friedrich der Große hat das immer als Spaß von sich gegeben, jemand hätte den St. Germain gefragt: Sie sind so alt – kann das sein, dass Sie vielleicht schon 2000 Jahre alt sind, oder so. Er hat einen Trick dann verwandt, St. Germain. Er sagte nie ‚Nein’. Erlächelte und ließ offen. Er begann einen Satz und hat ihn zur Hälfte gesprochen und ließ die anderen raten. So dass die anderen, die geraten haben, immer glaubten: Ah, das wird schon so gewesen sein. Und dasselbe mit der biblischen Geschichte auf die Frage: Ja sind Sie dann möglicherweise sogar Jesus Christus begegnet? Aber selbstverständlich, sagte St. Germain, bin ich ihm begegnet und hab ihm nur gesagt: Guter Freund, das wird nicht gut enden. Dann hat man einen Diener gefragt von St. Germain: Sagen Sie, sind Sie wohl auch so alt? Sagte er: Nein, das kann ich nicht sagen. Ich bin erst seit 300 Jahren bei ihm“.

Und Casanova? Der begegnete dem Grafen von St. Germain, wie sich dieser nannte, sogar persönlich.

„Sein Gesicht war angenehm, vornehm sein Auftreten. Er war ein guter Erzähler, wenn er auch manchmal aufschnitt, sprach alle Sprachen gut. Dazu war er ein großer Chemiker, ein großer Musiker, besaß die Formen der guten Gesellschaft, zeigte sich selten, war zurückhaltend, höflich, witzig, geistvoll“.

Musik 2: St. Germain (Komponist): “Sonata III in c-moll, Adagio, aus “Seven Solos For A Violin”,. St. Germain: Ausgewählte Werke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 061,Take 7/III, 3.03. 1.01

Das Adagio aus der Sonata III in c-Moll der Saint-Germain-Komposition „Seven Solos For A Violin“, interpretiert vom Ensemble „Phoenix“. Als bislang einzige Gruppe hat es Werke des Grafen auf CD veröffentlicht. Die Herkunft dieses Adeligen liegt im sagenhaften Dunkel, ist geheimnisumwittert. War er überhaupt ein Graf, Marquis, Chevalier oder Comte? Oder nur ein Sprössling des Apothekers und Steuereinnehmers Rotondo aus St. Germiano in Savoyen, wie manche meinen? Oder vielleicht gar ein Sohn des Fürsten Franz II. Rakoczy von Siebenbürgen? Am 28. Mai 1696 in Klausenburg geboren, in Transsylvanien also? Wurde er als Kind eines rebellischen Vaters, der gegen die Habsburger opponierte, für tot erklärt und - um ihn vor Nachstellungen zu schützen - in die Obhut der Medici gegeben und in Florenz aufgezogen? Viele widerstreitende Theorien, Vermutungen und Gerüchte gibt es, aber keiner weiß es genau, sagt der St.Germain-Experte und langjährige Richter am Kieler Landgericht, Hartmut Verfürden.

(Verfürden): „St. Germain ist ja ins Licht der Geschichte erst eingetreten im Jahre 1745. Das war die Zeit, in der er drei Arien für die Oper ‚L’Inconstanza Delusa’ in London komponiert hat. Das war im Frühjahr des Jahres 1745. Zu Zeiten Georg II. hat die alte Jakobiten-Dynastie versucht, wieder in England Fuß zu fassen. Es hat dort eine Art Bürgerkrieg gegeben. Das war gerade im Jahr 1745. Und ein Augenzeuge, der spätere Musikhistoriker Chareles Burny, der schreibt, man habe im Jahr 1745 die Opernhäuser geschlossen und es gab nur ganz wenige Aufführungen. Eine dieser Aufführungen war eben diese Oper, von der Charles Burny schreibt, dass der Prinz Lobkowitz damals in England zu Gast gewesen ist und zusammen mit dem berühmten und rätselhaften Grafen von St. Germain diese Oper besuchte. Also es war eine öffentliche Veranstaltung, für die man – wie heute auch – Eintritt bezahlte.“

Musik 3: St. Germain (Komponist): “Digli Digli Ch’è Un Infedele”, aus der Oper “L’Inconstanza Delusa”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 13/II, 1.00; 7.07. 1.01 (Musik ab 0.37)

Die Arien St. Germains, wie der gerade gehörte Ausschnitt aus der Oper “L’Inconstanza Delusa”, waren in aller Munde und erschienen 1745 im Londoner I. Walsh Verlag unter dem Titel „Favourite Songs From The Opera L’ Inconstanza Delusa“, also „Lieder über den „enttäuschten
Wankelmut“.

(Engel): „Die Oper ist in der sogenannten, damals sehr üblichen Pasticcio-Technik geschrieben. Wir kennen das von der Pastete – haben mehrere Schichten – und diese Pasticcio-Technik besagt, dass durchaus mehrere Komponisten an so einem Werk arbeiteten und ihre Arien mit einbrachten. Diese Arien haben oft sehr banale Texte. Was darauf zurückzuführen ist, dass sie - sagen wir mal – eine Art Moduleigenschaft besitzen müssen, damit man sie beliebig kombinieren kann“.

Der Cellist Matthias Hahn-Engel hat sich intensiv mit dem musikalischen Oeuvre von St. Germain auseinandergesetzt, das Ensemble „Phoenix“ gegründet, um mit ambitionierten Kollegen die erhaltenen Werke des Grafen aufzuführen. Inzwischen gibt die Gruppe international Konzerte und hat sogar drei CDs eingespielt - damit die Kompositionen nicht in Vergessenheit geraten.

Musik 4:
St. Germain (Komponist): “Sonata II in E-Dur, Prestissimo”, aus “Seven Solos For A Violin”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 10/II, 3.52.

Ob Christoph Willibald Gluck die eben gehörte Sequenz aus „Seven Solos for a violin“ in London live erlebt hat, ist nicht überliefert. Immerhin soll es zwischen dem deutschen Komponisten und dem Grafen von St. Germain zu einer Begegnung gekommen sein, berichtet Hartmut Verfürden.

(Verfürden): „Auch das ist ein ganz spannendes Thema, was erst am Anfang seiner Aufklärung steht. Man weiß noch nicht genau, wann Gluck nach England gekommen ist. Er hat jedenfalls Anfang 1746 in London eine Oper komponiert, die dann auch aufgeführt worden ist. Zu der Zeit war er also schon da. St. Germain war – jedenfalls im Dezember 1745 – noch da. Er kannte Lobkowitz. Und es gibt einen Satz eines französischen Gluck-Biographen, der sagt so sinngemäß: Man präsentiert uns gemeinschaftlich Gluck, Lobkowitz und den Grafen von St. Germain. Was im einzelnen davon stimmt, das müssen wir in der Zukunft erst noch herausbekommen“.

Dass St. Germain als Musiker und Komponist in London reüssieren konnte, steht fest. Als Autodidakt ohne eine fundierte musikalische Ausbildung wäre das allerdings kaum möglich gewesen.

(Engel): „Er muss eine musikalischeAusbildung gehabt haben, zumindest auf seinem Instrument. Wenn die sehr fundiert gewesen ist – was man annehmen kann, wenn man den Beschreibungen glaubt, die es gibt, dass er also wirklich, dass er also wirklich virtuos sein Instrument beherrscht – dann ergibt sich daraus die Möglichkeit, dass eine Fähigkeit, selber zu komponieren daraus entstanden ist. Das kann man sich denken. Es ist meines Wissens aber keine schriftliche Beschreibung irgendeiner Ausbildung bekannt“.

Cornelius Kellner, Musikwissenschaftler aus Schleswig-Holstein, kann dem nur beipflichten.

(Kellner): „Ich glaube sicher, dass er sogar eine sehr gute musikalische Ausbildung gehabt haben muss. Wo allerdings weiß man nicht. Vermutlich in Italien. Also Händel hat ihn sicher nicht geprägt. Händel, das war ja schon fast Spätbarock. Er hat also wirklich einen sehr leichten gefälligen Stil, den die Neapolitaner verfolgt haben, besonders Giovanni Battista Pergolesi“.

Auch wenn Georg Friedrich Händel St. Germain nicht geprägt hat, liegen Kontakte zwischen beiden doch im Bereich des Möglichen. Das macht eine kleine Geschichte deutlich, auf die der St. Germain-Forscher Hartmut Verfürden bei einem Besuch in London gestoßen ist.

(Verfürden): „Es gibt dort in der Nähe des Schlosses in Richmond große Häuser. Es sind vier Stück. Maiden House of Honour heißen die und eines der Häuser kaufte zur damaligen Zeit Händels Manager. Der hieß Heidegger. Und dieses Haus kam im letzten Jahrhundert in den Besitz von Edward Croft-Mary. Der hatte eine Funktion als Oberverwalter der königlichen Gemälde, kaufte dieses Haus und sah am Eingangsbereich des Hauses über dem Türsturz Noten gemalt und hat sich natürlich gedacht, das muss was von Händel sein, hier wohnte Heidegger, hat lange geforscht und schließlich herausbekommen, dass es Noten sind, die St.Germain-Musik wiedergeben ...“

... Noten aus der Pasticcio-Oper „L’ Inconstanza Delusa“ und zwar die berühmteste Arie daraus „Per Pietà Bell Idol mio“, aus der wir jetzt ein paar Takte hören.

Musik 5:
St. Germain (Komponist): „Per Pietà Bell Idol mio“, “Larghetto”, aus der Oper “L’Inconstanza Delusa”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 4/II, 9.44.

Die Aufnahme in die gehobene Gesellschaft Londons war für St. Germain nach dem Erfolg seiner Pasticcio-Oper kein Problem. Weitere Arien folgten.

(Kellner): „Er selbst war Adliger, hat wohl aucxh hauptsächlich in Adelskreisen verkehrt. In den Adelskreisen war es ja üblich – schon von der Erziehung her -, dass man sich mit der Musik befasste, dass man also zumindest ein Musikinstrument spielen lernte. Möglicherweise ist er auch am englischen Königshof gewesen. London war damals schon ein – kann man schon sagen – um 1740 ein Zentrum der Musik. Da waren also sehr viele bedeutende Komponisten. Und es war die Ära – Ja Händel lebte zu dieser Zeit noch, der war wohl der Gipfel. Aber es waren auch andere William Boyce z.B.“

... sagt der Musikwissenschaftler Cornelius Kellner über eine Zeit, in der Unruhen für Verunsicherung sorgten und man überall Verrat witterte.

(Verfürden): „Das nächste, was wir dann von Horace Walpole erfahren, aus einer Korrespondenz, mit einem Horace Man in Florenz, dass er schreibt, wir haben diesen St. Germain verhaftet. Es war wohl so, dass alle, die südländische Musiker waren als Katholiken galten und deshalb als Feinde oder mögliche Spione galten. Und in diesem Zusammenhang wurde St. Germain auch für einen Tag nur verhaftet und dann wieder freigelassen. Darüber schreibt nun dieser Horace Walpole. Und in dem Zusammenhang schreibt er auch, dass Srt. Germain hervorragend Violine spielt, dass er singt und komponiert“.

Was die Aufführung der Instrumentalstücke des Grafen anbelangt, finden sich nähere Informationen in der „Geschichte der Musik“ von Charles Burny.

(Verfürden): „Er sagt nämlich, dassdie ersten Privatkonzerte von Adeligen in ihrem Hause bei der Lady Brown stattfanden und und dass diese geleitet wurden von dem Grafen St. Germain. Da hat man eigentlich bis vor kurzer Zeit nicht viel drüber gewusst und erstaunlicherweise ist es ein texanischer Archivar gewesen, der vor wenigen Jahren bei seinem Studium von englischen Archivalien etwas Neues gefunden hat: eine Lady Genina Grey, die darüber berichtet, wie St. Germain dieses Konzert gibt. Sie lobt sehr sein Geigenspiel und sagt, er spielt mit einer Sanftheit und Süße wie mit einer Flöte, aber mit einer Stärke des lautesten Streichinstrumentes - so in etwa“.

(Kellner): „Sein Stil - wahrscheinlich von der sogenannten ‚Neapolitanischen Schule’ beeinflusst. Die war gekennzeichnet durch sehr melodiöse Oberstimmen-Melodik, sehr einfach gehaltene Bässe. Also, es war kein Barock mehr, sondern ein völlig neuer Stil, der so um 1730 etwa entstanden ist und hat sich dann fortgesetzt in Deutschland in der sogenannten ‚Mannheimer Schule’. Manche seiner Triosonaten beginnen noch auf barocke Weise, fast wie eine Fuge, d.h. dass eine Stimme die andere imitiert. Aber es gibt nur eine sogenannte ‚Durchführung’ und danach ergeht sich das Ganze in melodiösen Terzen, Quarten und Quinten. Also, das ist kein Barock mehr.“

Musik 6: St. Germain (Komponist): “Sonata II in E-Dur, Adagio”, aus “Seven Solos For A Violin”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 9, 4.06.

Ende der 1750er Jahre taucht St. Germain in Frankreich auf und kann in Paris Fuß fassen, durch einen Zufall - einen „Zaubertrank“. Wohl eher eine Art Abführmittel, wie es noch heute in Eckernförder Apotheken als „Saint-Germain-Tee“ verkauft wird. Damit konnte er die Lieblingsmätresse Ludwigs XV. von quälenden Stuhlproblemen befreien: Madame Pompadour.

„Er hatte die Gunst der Frau von Pompadour zu erlangen gewusst, die ihm eine Unterredung mit dem König verschaffte, und diesem hatte er ein hübsches Laboratorium eingerichtet. Denn der liebenswürdige Monarch, der sich überall langweilte, glaubte etwas Unterhaltung oder doch Zerstreuung beim Herstellen von Farben zu finden. Der König hatte ihm eine Wohnung im Schloss Chambord angewiesen und ihm 100 000 Franken zum Bau eines Laboratoriums gegeben. Wie Saint-Germain behauptete, wollte der König durch seine chemischen Produkte die französischen Fabriken in Blüte bringen“.

... schreibt Casanova in seinen Erinnerungen über entsprechende Experimente zur Herstellung haltbarer Farben für Textilien. Eine Tätigkeit, die St. Germain bis zu seinem Tod beschäftigen sollte. Der Graf musizierte und komponierte nicht nur, sondern scheint im Auftrag des französischen Königs in Den Haag sogar in einer geheimen Friedensmission unterwegs gewesen zu sein. Was in der Zeit des Siebenjährigen Krieges bald zu ernsthaften Verwicklungen führen sollte: zur Flucht von Saint Germain nach England und später dann zu seiner Rückkehr - incognito, erzählt Hartmut Verfürden.

(Verfürden): „Interessant ist, dass Friedrich der Große in einem seiner Briefe schreibt, es sei eigentlich belanglos, ob St. Germain einen Auftrag gehabt habe oder nicht. Sein Auftreten hätte jedenfalls die Friedenspartei in Versailles doch deutlich gestärkt“.

Musik 8: St. Germain (Komponist): “Sonata V in Es-Dur, Adagio”, aus “Seven Solos For A Violin”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 5/II, 3.22.

Matthias Hahn-Engel, der heute als einer der Wiederentdecker der Musik des Grafen gilt, hatte von dessen Kompositionen keine Ahnung. Er kam damit erst 1994 in Berührung und erhielt nach langwierigen Recherchen in Bibliotheken schließlich Ablichtungen der Noten - auf Mikrofilm. Später konnte Hahn-Engel in einem Antiquariat sogar eine rare Original-Edition mit Werken des Grafen von St. Germain erwerben.

(Engel): „Welche Auflage gedruckt wurde – kann ich nicht sagen. Es ist jetzt so, dass dieses Antiquariat mir sagte, bei den Violinsonaten sei es, glaube ich, eines von drei bekannten Exemplaren, weltweit“.

Und dann kam eines Tages eine Anfrage der Stadt Eckernförde, aus dem Ort also, wo St. Germain im 18. Jahrhundert das Zeitliche gesegnet hatte. Ob man nicht zum 700jährigen Jubiläum der Kommune ein Konzert mit Werken des Grafen geben könnte? Der Musiker sagte spontan zu: es war die Geburtsstunde des Ensembles „Phoenix“. In der Eckernförder St. Nicolai Kirche, in der St. Germain bestattet worden war, erklang seine Musik kurz nach der Jahrtausendwende wieder: über 200 Jahre nach dem Ableben des Komponisten und Wundermannes. Dessen Musik erstaunt den 1. Geiger von „Phoenix“, Hans-Christian Jaenicke, noch immer.

(Jänicke): „Grenzgänge interessieren mich sehr. Deshalb interessiert mich auch die Figur des Grafen von St. Germain, weil der glaube ich auch ein sehr Umtriebiger war, der viele Dinge zusammengebracht hat, die eigentlich erst mal so gar nicht zusammen gehören. Ganz musikalisch gesehen sind es oft einfach rhythmische Muster, die innerhalb eines Taktes wechseln und die erst mal sich so lesen – wenn man den Text zum ersten Mal in der Hand hat – als hätte er im zweiten Takt vergessen, was er im ersten sagen wollte. Und dann stellt man aber im Laufe des Stücks fest, dass das nicht so ist, sondern dass er das ganz kunstvoll durchdekliniert und ebenso eine Kombinatorik – ich glaube, das hat was mit der alchemistischen Denkweise zu tun (Lachen)“.

Beim renommierten „Festival Mitte Europa“, einer grenzüberschreitenden Veranstaltungsreihe zwischen Böhmen, Sachsen und Bayern war die Musik ebenso zu hören: wie letztes Jahr im bayerischen Ansbach bei den dortigen „Kaspar Hauser Festspielen“.

Musik 10:
St. Germain (Komponist): „Padre perdona, oh! Pene“, Arie; Ensemble Phoenix (Interpreten), Sängerin: Miriam Sabba, Reporterband, autorisierter Mitschnitt, 123/14.

Für die Sängerin Miriam Sabba, die zur Zeit an der Dresdner Semper Oper engagiert ist und im Ensemble „Phoenix“ immer wieder singt, sind die Arien St. Germains, wie die gerade gehörte Arie „Padre perdona, oh! Pene“ etwas Besonderes.

(Sabba): „Es ist schon anders. Ich kann’ s nicht beschreiben. Also, ich habe immer gedacht, na ja, wie erkläre ich mir das – ein Bachzeitgenosse? Nee, ich weiß auch nicht. Aber: Es ist etwas Spezielles, erklären kann ich das schwer.“

Musik 11: St. Germain (Komponist): “Sonata I in F-Dur, Andante Amorosissimo”, aus “Six Sonatas For Two Violins With A Bass For The Harpsichord Or Violoncello ”. St. Germain: Ensemble Phoenix spielt Graf Saint Germain. St. Nicolai. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, Ehn 84 053, Take 3/I, 2.53.

Die “Sonata I in F-Dur, Andante Amorosissimo”, aus “Six Sonatas For Two Violins With A Bass For The Harpsichord Or Violoncello ”, gespielt vom Ensemble Phoenix.

Nach seinem Englandaufenthalt, bei dem Saint Germain „in polizeilichen Gewahrsam“ gebracht wurde, wie der „London Chronícle“ am 9. Mai 1760 schreibt, hält sich der Graf incognito in Holland auf: unter dem Namen eines „Grafen von Cea“. Dass er seine Namen wechselt wie andere Handtücher, sich mal „Conte de Belle mare“ nennt, mal „Baron Gugomos“ oder „Chevalier Welldone“ war seinerzeit nichts Ungewöhnliches: sogenannte „Aliasnamen“ waren damals im Hochadel gang und gäbe.

In der Nähe von Nijmwegen erwirbt der frischgebackene „Graf von Cea“ dann ein Gut. In den damals „Österreichischen Niederlanden“ lernt er den Botschafter der Kaiserin Maria Theresia, kennen. Der Adelige ist von St. Germain begeistert. Der österreichische Kanzler Graf Kaunitz hingegen bleibt skeptisch. St. Germain, der sich jetzt „Graf Surmont“ nennt, schafft es aber trotzdem im österreichisch-belgischen Ort Tournai eine Farbenmanufaktur zu gründen. Dort besucht ihn Casanova.

„Ich ... fand ihn mit einem zwei Zoll langen Stoppelbart. Er hatte eine Anzahl Retorten voller Flüssigkeiten im Zimmer. Einige machten einen chemischen Prozess durch; sie lagen auf Sand bei natürlicher Wärme“.

Casanovas „Memoiren“ waren es auch, die Hartmut Verfürden, dazu brachten, sich näher mit dem Alchemisten und Komponisten St. Germain zu beschäftigen. Kaiserin Maria Theresia kann der nicht von seinen Farbversuchen überzeugen und verlässt schließlich Belgien.

(Verfürden): „Dann ist er zunächst 12 Jahre weg, wahrscheinlich in Italien und – spricht einiges dafür, dass er in einer bestimmten Funktion am türkisch-russischen Seekrieg teilgenommen hat und dort Bekanntschaft machte mit dem Grafen Orlow, einer davon früher Liebhaber von der Zarin gewesen. Und so taucht er in Ansbach auf ... “.

... zunächst jedoch in: Schwabach: in russischer Generalsuniform unter dem Namen Graf Tsarogy, in einem Gebäude, in dem heute das Evangelische Vereinshaus untergebracht ist, sagt der Historiker Eugen Schöler bei einer kleinen Führung.

(Schöler): „Wir wissen, dass St. Germain im Jahre 1774 nach Schwabach gekommen ist. Das wissen wir vom Minister von Gemmingen, der Minister vom letzten Markgraf Alexander. Und zwar hat er sich in diesem Haus eingemietet. Dieses Haus, das genutzt wurde, als markgräfliches Jägerhaus. Hier wohnten also Piqueurs – das waren Parforce-Jäger. Hier waren Hofbedienstet zugange und vor allem: Hier wohnte auch das Soldatenkommando, das aufzupassen hatte auf das Arbeits- und Zuchthaus auf der andere Straßenseite ...“

In Schwabach erregte St. Germain als angeblich russischer General natürlich Aufsehen. Er reiste standesgemäß mit Kutsche, manchmal vielleicht mit einem Pferd, seltener wohl auf Schusters Rappen. In Nürnberg soll er dann einen der beiden Brüder Orlow getroffen haben, die Katharina der Großen geholfen hatten, den Zarenthron zu besteigen. Das Schwabacher Domizil war für St. Germain eine Art Kontaktbörse.

Musik 12:
St. Germain (Komponist): “Sonata VI in A-Dur, Cantabile Lento”, aus “Six Sonatas For Two Violins With A Bass For The Harpsichord Or Violoncello”. St. Germain: Ensemble Phoenix spielt Graf Saint Germain. St. Nicolai. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, Ehn 84 053, Take 13/I, 5.25.

Ob St. Germain in Schwabach komponiert hat, ist nicht überliefert. Wenn überhaupt Musik von ihm in der Markgrafschaft zu hören war, dann wahrscheinlich im ehemaligen Gesandtenhaus in Ansbach, direkt gegenüber vom Schloss, in dem Markgraf Alexander residierte.

(Schöler): „Hier in diesem Raum findet dann die Begegnung statt. Alexander ist hier drinnen und die Madame Clairant stellt ihm diesen St. Germain vor, allerdings als General Tsarogy. Ja, der Name war ja noch nicht bekannt. Hier ist dabei: Baron Gemmingen, der Minister des Markgrafen. Und der beschreibt uns, wie St. Germain ausgesehen hat. Zitat: ‚Er schien zwischen 60 und 70 Jahre alt zu sein, war von mittlerer Größe, mehr hager als stark, verbarg seine grauen Haare unter einer Perücke und sah aus wie ein alter Italiener. Sein Aussehen verkündete nichts außergewöhnliches. Er unterhielt sich mit dem Markgrafen Alexander in französischer Sprache und zwar mit deutlich italienischem Akzent“.

Szenenwechsel. Triesdorf, eine ländliche Gemeinde in der Nähe von Ansbach. In dem Ort, in dem sich heute landwirtschaftliche Lehranstalten befinden und Rindviecher in Ställen versorgt werden, traf sich früher der Hochadel. St. Germain besaß für seine Farbversuche und alchemistischen Experimente im linken Seitenflügel des Weißen Schlosses sogar ein Labor, weiß der Schwabacher Historiker und Heimatforscher Eugen Schöler.

(Schöler): „Wir befinden uns jetzt in diesen Räumen, die natürlich heute anders ausschauen als im 18. Jahrhundert, inm denen St. Germain sein Labor hatte. Heute ist es ein sehr großes Klassenzimmer mit Tafel, mit allem, was dazu gehört – mit Tischen und Stühlen. Das Besondere war: St. Germain, als er das Labor zugeteilt bekam, wenn man so will, von Alexander, und zwar von Ansbach aus: ‚Du darfst nach Triesdorf kommen und darfst hier deine Versuche machen!’ Dann hat er hier begonnen, erst mal die Fenster alle zuzukleben, damit niemand von außen reinschauen konnte. Ein einziges Mal ist es gelungen, dass jemand zur Tür reinspitzte, was er hier macht. Da habe er St. Germain gesehen völlig eingehüllt mit schwarzen Tüchern und lauernd über einem Projekt, das er da also versuchte zu klären – wahrscheinlich Farbversuche. Er war darüber sehr erzürnt, dass jemand irgendwie es schaffte, ihm zuzuschauen“

Rund vier Jahre verbrachte St. Germain auf dem Territorium des Ansbacher Markgrafen. Als der bei einer Reise allerdings erfuhr, dass sich hinter dem Namen Tsarogy eigentlich der berühmte Wundermann St. Germain verbarg, war er erzürnt und kündigte ihm die Freundschaft auf. Dennoch fällt das Urteil des Ansbacher Ministers Freiherr Reinhard von Gemmingen-Guttenberg auf Bonfeld über den in Ungnade Gefallenen überraschend milde aus.

„Lieblos würde es sein, diesen Mann für einen Betrüger zu erklären. Hierzu gehören Beweise, und diese hat man nicht. Solange er im Verhältnis mit dem Markgrafen stand, hat er nie etwas begehrt, nie etwas von dem mindesten Wert erhalten, nie sich in etwas eingemischt, das ihn nicht anging. Bei seiner äußerst einfachen Lebensart waren seine Bedürfnisse sehr eingeschränkt. Hatte er Geld, so teilte er’ s den Armen mit. Dass er irgendwo Schulden hinterlassen hat, ist nicht bekannt.“

Musik 13: St. Germain (Komponist): “Sonata VI in A-Dur, Andante”, aus “Seven Solos For A Violonin”. St. Germain: Ensemble Phoenix spielt Graf Saint Germain. St. Nicolai. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, Ehn 84 053, Take 11/1, 3.21.

Einige Zeit später taucht Saint Germain in Hamburg auf und begegnet in Norddeutschland dem Landgrafen Carl von Hessen. Und die Musik? Welche Rolle spielte sie im letzten Lebensabschnitt von St. Germain. Der Musikwissenschaftler Cornelius Kellner:

(Kellner): Darüber ist also leider gar nichts bekannt. Bekannt ist also nur, dass er 1778 den Landgrafen in Altona, das damals noch zu Holstein gehörte, kennen gelernt hat. Und offenbar hat der ihn so beeindruckt, dass er ihn hier nach Gottdorf, nicht nach Eckernförde, eingeladen hat. Möglicherweise haben sie in Gottdorf – das ist aber nur eine Vermutung von mir – zusammengewirkt. Also, der Landgraf Carl von Hessen soll ein gewandter Klavierspieler gewesen sein. Er war also vor allen Dingen ein ganz großer Freund des Theaters, der Landgraf Carl von Hessen, hatte eine eigene Theatertruppe zum Schluss und hat das Schlosstheater auf Gottdorf zu einer der besten Bühnen Deutschlands gemacht um 1780/90. Von Mozart die ‚Zauberflöte’, die wurde so oft gegeben, dass die Kinder in Schleswig sogar die Melodien gepfiffen haben sollen“.

Seine letzten Jahre verbrachte St. Germain in Schleswig-Holstein und wohnte vor seinem Tod an der Ostsee: in Eckernförde. In der Stadt also, in deren Nähe heute der Musiker Matthias Hahn-Engel lebt und mit seinem Ensemble „Phoenix“ die Erinnerung an den Komponisten aufrechterhält.

(Engel): „Letztendlich ist immer mein Anspruch gewesen, alles, was komponiert ist, auf CD zu bringen. Das kann aber noch dauern und recherchieren mit denen, die es ohnehin tun, um eventuell noch Neues zu finden. Natürlich will ich auch gerne weiterm Konzerte veranstalten, weil das lebendige Spielen der Musik letztendlich im Vordergrund stehen soll ...“

Musik 14: St. Germain (Komponist): „Jove, when he saw my Fanny’s face“, aus “A New Song”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 15/II, 4.39.

Das bislang bekannte Gesamtwerk des Grafen von St. Germain, das von 1745 bis 1760 in London veröffentlicht wurde, umfasst 46 Arien, vier englische Lieder, Stücke, die vielleicht früher auch in Pubs erklangen - Songs wie das gerade von der Sopranistin Antje Bitterlich gesungene „Jove, when he saw my Fanny’s face“ - , sechs Trio-Sonaten und sieben Violinen-Stücke. Mehr nicht. Einige Noten sind inzwischen im Handel erhältlich.

(Engel): „Bis jetzt gibt’ s die nur bei mir. Es gibt sie natürlich auch in den Buchhandlungen, die sie bei mir bestellen. Es gibt derzeit aber nur die ersten drei Violinsonaten als Neudruck mit ausgesetztem Generalbass, da nicht davon auszugehen ist, dass jeder Generalbass spielen kann. Und es gibt sie als Faksimile.“

In diesem Jahr sollen außerdem die Violinsonaten IV - VI des Grafen von Saint Germain als Notenmaterial herauskommen.

Musik 7: St. Germain (Komponist): “Sonata III Con Soli in Es-Dur, Adagio”, aus “Six Sonatas For Two Violins With A Bass For The Harpsichord Or Violoncello”. St. Germain: Ausgewählte Werke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 061, Take 1, 0.42

Ab 1779 lebte der Komponist in Schleswig-Holstein. Zusammen mit demLandgrafen Carl von Hessen, einem überzeugten Freimaurer, machte er gerne alchemistische Versuche im Freimaurer-Park „Louisenlund“ bei Eckernförde: im sogenannten „Alchemistenturm“. Experimente, die schließlich zur Entdeckung des sogenannten „Carlsmetalls“ führten. Auch eine Fabrik, die Carl von Hessen St. Germain in Eckernförde in der Kieler Straße zur Verfügung gestellt hatte, entwickelte sich allmählich, sagt Hartmut Verfürden.

(Verfürden): „Er wollte, die haltbaren Farben, die sich die einfachen Leute nicht leisten konnten, weil die auswaschbar waren, ersetzen durch preiswerte Farben, die dann auch hielten. Es gibt halt Berichte darüber, dass er Farben erfunden hat, die wesentlich besser waren als die gängigen Farben zum gleichen Preis.“

In einem Seitentrakt der Eckernförder Fabrik, wo St. Germain bescheiden gewohnt hatte, starb der Graf auch: am 27. Februar 1784.

(Verfürden): „Sein Tod ist im Kirchenbuch eingetragen. Wir wissen sogar von der Vorgeschichte aus den verschiedenen Schreiben seines Gönners, des Prinzen Carl von Hessen, dass der schon berichtet, es ginge St. Germain immer schlechter. Wir haben dann nicht nur die Eintragung im Kirchenbuch. Es gibt eine Rechnung über das Läuten der Glocken. Es gibt eine Nachlassliste, in der aufgelistet worden ist, welche Gegenstände in St. Germains Wohnung aufgefunden wurden. Es gibt einen Aufruf an die unbekannten Erben, veröffentlicht in den Schleswig-Holsteinischen Anzeigen. Und daran sieht man hat, dass es eigentlich keinen Zweifel gibt ...“.

... dass St. Germain tatsächlich in Eckernförde gestorben ist. Auch wenn es Stimmen gibt, die ihn später noch - kurz vor der Französischen Revolution - am Hof von Marie Antoinette gesehen haben wollen. Aber das wundert nicht bei einem Mann, „der niemals stirbt“, wie Zeitgenossen lästerten. Trotz dieser Gerüchte muss der Graf am 2. März 1784 in der St. Nicolai Kirche von Eckerförde beerdigt worden sein, wie eine Rechnung belegt. Obwohl Touristen in dem Gotteshaus immer wieder nach Erinnerungsstücken St. Germains suchen – es gibt sie nicht: durch eine Sturmflut und die anschließende Restaurierung der Kirche wurden alle Spuren beseitigt. Außerdem ist der „Wundermann“, der überall unterwegs war, aber nirgends wirklich zu Hause, nach Voltaires Meinung ja sowieso „unsterblich“. Zumindest in seiner Musik.

Musik 11: St. Germain (Komponist): “Sonata I in F-Dur, Andante Amorosissimo”, aus “Six Sonatas For Two Violins With A Bass For The Harpsichord Or Violoncello ”. St. Germain: Ensemble Phoenix spielt Graf Saint Germain. St. Nicolai. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, Ehn 84 053, Take 3/I

In unserem heutigen Musikforum im Deutschlandfunk stand das Werk des legendären Grafen von Saint Germain im Mittelpunkt. Sprecher war Wolfgang Feldkamp. Im Studio verabschiedet sich Thomas Senne.

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